De Obserwanz

De Obserwanz aus Läuschen un Rimels, 1. Folge – Kapitel 3

»Gu’n Morgen! Vadder Schult, ick kam heran;
Mi geiht ’ne Sak in minen Kopp herümmer,
Worut ick keinen Vers mi maken kann;
Je mihr ick doran denk, je dümmer
Un dämlicher ward mi in minen Kopp.
Ick kam also tau di un frag di, ob
Du mi nich seggen känen dauhen deihst,
Wat unner Obserwanz du woll versteihst.
De Amtmann hett mit dat entfamte Wurd
Uns gistern ümmer ‚rümmer tahrt
Un mi un minen Nahwer Kurt
Dat Geld ut unsre Taschen nahrt.«
»Je, Obserwanz, Gevadder Schröder,
Dat is en Wurd, süh, dat versteiht nich jeder.
Dat is en schrecklich sweres Wurd,
En ekliches, entfamtes Wurd,
Un ick glöw nich, dat hir in unsen Urt
En einziger dat ganz genau
Di seggen kann, ick trug dat keinen tau;
Denn sülwsten ick, de doch so veles weit,
Weit mit de Obserwanz nich recht Bescheid.
Indessen, wenn ick ok nich allens utstudiert,
So kann ick doch up allen Fällen
En lustig Stückschen di vertellen,
Wat mi in mine Jugend is passiert
Un wat mit Obserwanz hett wat tau dauhn.
Na, dat was dor taumalen, weitst de,
As wi noch hadden unsen ollen Preister.
Gott lat den ollen Mann jetzt selig rauhn!
Hei was en gauden Preister, tru un iwrig,
Doch up dat Nehmen was hei ’n beten giprig,
Un ’n beten hört hei tau de Nägenklauen.
Na, unse Buren wiren’t dormals so gewennt,
Dat sei den Preister, wenn dat Johr sick end’t,
Tau Wihnacht schenkten einen Kauken,
Mit Zucker äwerstreut, so vel dor wull up hacken.
Min Mudder müßt em ümmer backen.
Min Vader un noch ein, de güngen denn
In ehren Sündagsstat von wegen
Dat ganze Dörp nah unsen Paster hen,
Un ick, ick müßt den Kauken drägen. –
Na, einmal was dat wedder an de Tid,
Ick weit dat noch, as wir dat hüt,
Dunn güng dat wedder nah dat Preisterhus.
Min Vader makt en schönen Gruß
Un makt ’ne wunderschöne Red.
Ick weit just nich mihr, wat hei säd,
Doch prächtig was sin Prat gewiß,
Den hei em makt. Wo hadd de Preister süs
So fründlich lacht? Hei drunk just Kaffe
Un stippt en drögen Semmel in.
Den Dunner! Na! wat was hei swinn
Von sinen ollen Sofa ‚raffe!
›Oh!‹ säd’e un rew sick de Hän’n
Un böhrt de Salwejett tau Höcht,
›Min leiwen Frün’n, dit is am En’n
So’n wunderschönen Kauken wedder,
As ji vergangen Johr mi bröcht.
Na, set’t jug doch en beten nedder!‹
Un dunn halt hei Poppier un Fedder
Un fängt dor an wat uptauschriwen.
Ih, denkt min Oll, wat mag hei dor bedriwen?
Un wil hei schrewen Schriwwt gaud lesen künn,
Kickt hei den Preister up de Knäwel,
Wat in de Schriwwt woll schrewen stünn.
›Min leiw Herr Paster, nemen S‘ nich vör äwel,
Dat is man, dat ick dornah frag‘,
Wat heww’n Sei in de Schriwwt dor schrewen?‹
›Mein lieber Schulze, nichts, gar nichts; ich trag‘
Das Datum mir ein bißchen ein,
An welchem Sie den Kuchen mir gegeben.
Es würde sonst vergessen sein,
Und ist nur um die Obserwanz.
Ihr könnt es selber lesen, seht, hier steht’s:
Die Bauern waren heute hier und brachten
Mir wieder einen Kuchen zu Weihnachten.‹
›Hm!‹ brummte de Oll un kratzt sick in den Däz
Un grint den Preister as en Pingstoß an,
›Min leiw Herr Paster, oh, denn schriwen S‘ man
Dor achter Ehren Satz noch dit:
Die Bauern brachten ihn mir woll,
Doch nahmen sie ihn wieder mit. –
Un nu adjüs, Herr Paster‹, seggt de Oll.
Un packt den Kauken in. – ›Holt!‹ röppt de Preister, ›sacht!
Wat heit denn dat? Wo so? Wo ans?‹
›Ih, Herr‹, seggt unse Oll un lacht,
›Dat is man üm de Obserwanz!‹«

Fritz Reuter, 1853

Dieser Beitrag wurde unter Werke veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.